Ich glaube, das Auditive bietet noch eine ganz andere Möglichkeit sich mit einem Thema auseinander zu setzen.
— Jonas Pflaumer

Der Impuls zu einem gemeinsamen Fiction Podcast mit dem Hörverlag kam ja durch eine Ausschreibung an der Filmhochschule München. Wieso habt ihr euch beworben?

Jonas Pflaumer: Anna und ich haben an der Filmhochschule schon gemeinsam an einer Serie geschrieben und das hat sehr gut funktioniert. Wir konnten als Autoren-Team sehr gut miteinander schreiben und deshalb wollten wir unbedingt noch einmal etwas gemeinsam entwickeln. Wir haben uns dann beworben und es war für uns beide eine sehr spannende neue Herausforderung.

Anna Christ: Genau und wir hatten den Anreiz, dass das Thema Hörspiel-Serie gerade sehr im Kommen ist. Aber natürlich war einer der Gründe auch, dass es eine realistische Chance gibt, dass das Projekt schnell umgesetzt wird. Bei Filmen dauert es ewig, bis es weitergeht und man endlich in die Produktion geht.

Normalerweise schreibt ihr für Film und Fernsehen. Was war bei eurem ersten Fiction Podcast anders?

Jonas Pflaumer: Es ist natürlich etwas ganz anderes für das Ohr zu schreiben. Man muss ganz andere Dinge berücksichtigen. Wir hatten sehr viele Szenen visuell im Kopf und da mussten wir etwas finden, was auch nur für das Ohr funktioniert. Das war eine ganz große Herausforderung am Anfang. Durch dieses Umdenken sind aber auch sehr viele neue Möglichkeiten entstanden, weil man mit wenig Aufwand schon neue Räume und neue Stimmungen aufmachen und Situationen ganz klar machen kann, die im Film viel schwieriger sind. Wir haben auch ständig dazugelernt, damit wir die Geschichte neu erzählen können.

Anna Christ: „Psychoakustisch“! Dieses Wort war uns davor noch gar nicht geläufig. Stimmungen umzusetzen im akustischen Bereich, was Jonas gerade meinte, aber auch, dass wir Spielorte schreiben durften, die wir im Spielfilm nicht so einfach nutzen können, weil sie in der Produktion unglaublich teuer sind. Ein Beispiel wäre der Schauplatz eines Flugzeugabsturzes – das kommt jetzt in unserem Podcast nicht vor –, aber man hat ein bisschen mehr Freiheit als Autorin und muss nicht die ganze Zeit an die Produktion und das Geld denken. Das war toll.

Wir stellen uns die Arbeit als Autoren-Duo kreativ und dynamisch vor. Aber wie arbeitet ihr eigentlich zusammen? Habt ihr eine Aufgabenteilung?

Anna Christ: Die gibt es auf jeden Fall. Wir passen das immer sehr an den Stoff an, den wir gerade zusammen schreiben. Für einen anderen Serienstoff haben wir zum Beispiel die Dialoge komplett zusammen geschrieben. Jetzt haben wir uns etwas mehr aufgeteilt und arbeiten dann aber bei der Überarbeitung wahnsinnig intensiv zusammen. So ist es dann am Ende wirklich unser gemeinsamer Stoff.

Jonas Pflaumer: Bei Fremdgänger haben wir am Anfang wahnsinnig viel miteinander gesprochen und versucht das Thema griffig zu machen. Wir haben viele Diskussionen geführt und recherchiert. Das war sozusagen Teil 1 unseres kreativen Prozesses. Da perlt sich dann immer mehr heraus, wie man den Stoff noch weiter optimieren kann. An diesem Punkt probiert man ganz unterschiedliche Dinge aus und es ist immer wieder spannend, dass es dann doch immer wieder zusammen funktioniert. Dass es sich natürlich anfühlt und ein Stoff ist, auch wenn der eine diese Szene geschrieben hat und der andere jene. Wir kennen die Figuren dann einfach sehr gut.

© Franziska von Stenglin

© Franziska von Stenglin

Es ist natürlich etwas ganz anderes für das Ohr zu schreiben.
— Jonas Pflaumer

Wie habt ihr den Plot für Fremdgänger entwickelt?

Anna Christ: Anstoß für den Plot war ein Thema, das immer wieder in den Medien war und das uns berührt und angesprochen hat. Also Artikel über verdeckte Ermittlungen durch die Polizei und Eingriffe in gewisse Milieus, in denen überwacht wird und verdeckt ermittelt wird, ohne, dass es einen direkten Anhaltspunkt oder konkreten Verdachtsmoment gibt. Wo vom Staat größere Aufklärung veranlasst wird und die nicht immer so durchsichtig ist. Es gab dann in den letzten Jahren ein paar Fälle, die aufgedeckt wurden. Uns interessiert es auch als Thema, das relativ selten in der Öffentlichkeit auftaucht und das wir uns für beide Seiten – für die Überwachten und die Ermittler – sehr schwierig vorstellen. Dazu kommt noch die große Ambivalenz, durch das Hin- und Herschwenken zwischen öffentlichem und privatem Raum.

Jonas Pflaumer: Das spannende an dieser Serie war für uns auch, dass die Figuren sehr komplex erzählt werden können. Das Eine ist natürlich das sehr spannende Thema, bei dem es auch sehr wichtig ist, dass man es auch einmal fiktional aufarbeitet, wie ich finde, aber das Andere ist auch, dass man die Figuren komplex und modern erzählt. Es ist ein großer Spaß das dann auch wirklich authentisch umzusetzen. Deswegen sind wir schrittweise – wie bei einer Zwiebel – immer mehr in die Schichten gegangen. Am Anfang gab es wirklich nur das Thema und dann sind wir immer mehr in die Figuren hineingekommen.

Wieso ausgerechnet die Öko-Aktivisten-Szene rund um Frankfurt?

Jonas Pflaumer: Öko-Aktivismus ist fast überall momentan und eine sehr wichtige Sache. Frankfurt ist deswegen interessant für uns, weil es dort eben schon genau solche Fälle gab. Also zum Beispiel einen Wald, der wegen des Flughafenausbaus besetzt wurde und der von der Polizei dann geräumt wurde. Somit ist es etwas Bekanntes für die Zuhörer und deswegen haben wir uns dafür entschieden.

Anna Christ: Genau, aber es hätte auch ein anderes Milieu sein können. Diese Art der Aufklärung gibt es eigentlich in sämtlichen politischen Aktivisten-Milieus und für uns war es natürlich auch ein guter Zufall, dass Öko-Aktivismus gerade jetzt ein wichtiges Thema für die junge Generation ist – auch für ältere Generationen – aber es spielt, glaube ich, eine große Rolle gerade und beides passiert gleichzeitig.

Habt ihr eine Lieblingsfigur?

Jonas Pflaumer: Es ist natürlich sehr schwer zu sagen, dass eine Figur die Lieblingsfigur ist, denn es sind ja alle wie die eigenen Kinder. Manche Figuren schreiben sich leichter als andere, weil man sie schon im Kopf hat, andere muss man erst erarbeiten. Sie sind aber alle auf ihre Weise spannend. Ich könnte von keiner Figur sagen, dass ich sie gar nicht mag, sondern sie sind für mich als Autor alle sehr spannend zu schreiben. Und sie sind eben auch alle auf ihre Art und Weise unterschiedlich zu behandeln. Wie Kinder.

Anna Christ: Ohne jetzt zu viel zu verraten, trägt natürlich die Hauptfigur eine große Ambivalenz in sich, in ihrem Charakter und auch wie sie handelt. Das ist für uns als Autoren im Schreibprozess sehr spannend. Deshalb ist sie natürlich nicht gleich unsere Lieblingsfigur, aber die Figur, der wir am meisten Zeit gewidmet haben und deshalb auch ziemlich wichtig für uns.

Wie würdet ihr eure Hauptfigur Pia beschreiben? Hattet ihr ein reales Vorbild?

Anna Christ: Ja, wir mussten oft an die Figuren der Coen-Brüder oder Fargo denken. Das heißt, Pia ist keine Hauptfigur, die man durchgängig liebt. Eine, die man vielleicht auch gar nicht liebt, weil sie eben sehr ambivalent handelt. Außerdem ist sie auf eine Weise auch sehr egoistisch, kommt aber auch ins Schwanken. Ein reales Vorbild gab es nicht. Wir hatten in der Vergangenheit Artikel gesammelt und uns angeschaut wie diese verdeckten Ermittlerinnen und Ermittler gearbeitet haben und was auffällig war bei ihnen, aber die Figur selbst ist ein Potpourri aus sehr vielen Fällen. Und der Charakter selbst hat sich im Laufe des Entstehungsprozesses entwickelt.

Jonas Pflaumer: Auch für mich ist es eine moralisch ambivalente Figur und deswegen eignet sie sich wunderbar als Figur für eine Geschichte, die über mehrere Folgen hinweg erzählt wird, weil man sich daran als Autor abarbeiten kann, aber eben auch als Konsument immer neue Facetten entdeckt. Dadurch kann man statt linear auch sehr komplex erzählen.

Wäre Fremdgänger auch ein echter Serienstoff für Netflix und Co.?

Anna Christ: Also vom Spannungsgrad und der Figurenkonstellation auf jeden Fall. Wir haben uns aber gefreut, dass die Geschichte als Hörformat umgesetzt wird, weil wir denken, dass es dem Zuhörer oder der Zuhörerin sehr viel Platz lässt mitzufühlen und eigene Gedanken zu entwickeln zu dem, was die Hauptfigur tut. Auch das Milieu, in dem sie ermittelt, ist durch den akustischen Raum weniger plakativ. Dadurch, dass es reale Vorbilder gibt, sind wir sehr neugierig, ob für die Zuhörerinnen und Zuhörer ein Mehrwert entsteht, wenn sie darüber nachdenken und mitfühlen.

Jonas Pflaumer: Natürlich freut man sich, wenn Netflix darauf anspringt. Aber für uns war es wichtig, dass es für die Zuhörerinnen und Zuhörer so ist, dass sie auch viel selbst hineinbringen können und sich viel mit dem Thema auseinandersetzen. Ich denke, bei Netflix gibt es momentan so ein großes Angebot, dass man selbst nicht mehr so komplex über die Inhalte nachdenkt. Man konsumiert eher, ohne da noch groß Hirnschmalz hinein zu geben. Ich glaube, das Auditive bietet noch eine ganz andere Möglichkeit sich mit einem Thema auseinander zu setzen. Deswegen war diese Art der Erzählweise für uns passender.

Pia ist keine Hauptfigur, die man durchgängig liebt. Eine, die man vielleicht auch gar nicht liebt, weil sie eben sehr ambivalent handelt.
— Anna Christ

Euer Text erwacht hier heute im Tonstudio zum Leben. Was ist das für ein Gefühl?

Anna Christ: Total super und beglückend und auch ein bisschen surreal, dass das, was wir in den Computer getippt haben, plötzlich lebendig wird und erstaunlicherweise dann auch noch sehr nahe an den Emotionen ist, die wir uns vorgestellt haben. Das ist ein irres und gutes Gefühl.

Jonas Pflaumer: Ich fand es wahnsinnig spannend, dass man jetzt die Figuren, die man auf dem Papier kreiert hat, plötzlich hört. Und das Resultat hat auch wirklich gestimmt. Die Stimmen hören sich richtig an. Vor allem ist es auch toll zu sehen, dass die Regie genau verstanden hat, was wir erzählen wollten und das den Schauspielern auch so mitgibt. Das hat mich total glücklich gemacht. Weil man dann weiß, okay, die Geschichte funktioniert wirklich so wie wir sie uns ausgedacht haben.

Das heißt, die Stimmen, die ihr im Ohr hattet, waren jetzt auch im Studio relativ nah dran?

Jonas Pflaumer: Als Autor will man immer nicht zugeben, dass man Stimmen im Ohr hat, aber wir hatten schon eine Art von Charakter im Ohr, der sich dann auch in der Stimme wiederspiegelt. Aber ich hatte jetzt nicht sofort eine konkrete Schauspielerin oder einen konkreten Schauspieler im Ohr, die das dann sprechen könnten. So war das dann schon eine Überraschung die Stimmen im Studio zu hören. Und es hat sich dann auch richtig angehört, als ob wir es uns genau so ausgedacht haben.

Anna Christ: Bei mir war das auch so ähnlich. Ich hatte das Gefühl, dass die Stimmen ähnlich zu den Typen waren, die wir uns vorgestellt haben, sehr nah dran von den Klangwärmen und -kälten. Alles was wir uns in der Vorarbeit vorgestellt haben war wahnsinnig gut in der Regie überführt. Das hat Roman Neumann sehr schön übertragen für uns.

Stehen weitere Podcasts auf eurem Plan?

Anna Christ: Ich bewege mich im Moment wieder Richtung Spielfilm, aber ich denke, Jonas und ich sind jetzt so eingearbeitet, die Schreibmaschine zwischen uns ist so eingeölt, dass es toll wäre, wenn wir noch einmal was zusammen machen würden.

Jonas Pflaumer: Und Anna und ich haben ja auch noch ein Hör-Serien-Konzept entwickelt, das noch in der Schublade liegt.

Anna Christ: Stimmt!

 

 
© Franziska von Stenglin

© Franziska von Stenglin

Anna Christ,

geboren 1986, studierte Drehbuch an der HFF München und Dokumentarfilm an der Capilano University in Vancouver. Sie schrieb bereits während des Studiums Serienkonzepte und Drehbücher für namhafte Produktionsfirmen, gewann mit den Serienkonzept Transition 2014 den SKY & Beta Film WRITERS ROOM CONTEST und entwickelte mit anderen Autoren festivaltourende Kurzfilme.

 

Jonas Pflaumer,

geboren 1986, studierte an der HFF München Drehbuch und entwickelte Serienkonzepte und Filmstoffe mit verschiedenen Produktionsfirmen, u. a. Wiedemann und Berg, die filmographen, Ratpack oder Miriquidifilm. Er unterstützt seit 2017 das Autorenteam der Daily-Soap Dahoam is Dahoam im BR und bietet Schreibkurse für Creative Writing und Filmdramaturgie an.

© Franziska von Stenglin

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